… von Gregor Honsel …
Placebos
Technology Review: Sie haben untersucht, welche empirischen Belege es für die Wirksamkeit von alternativen Heilverfahren gibt. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Edzard Ernst: Zu sehr unterschiedlichen. In der Pflanzenheilkunde gibt es einige Extrakte, die durchaus wirksam sind. Paradebeispiel ist sicherlich der Johanniskraut-Extrakt – wenn der richtig eingesetzt wird, kann er durchaus bei milden bis mittelschweren Depressionen helfen. Daneben gibt es aber auch Mittel, die unwirksam oder sogar gefährlich sind. Darauf heben wir in dem Buch immer wieder ab: dass man weder die Risiken noch den Nutzen isoliert sehen sollte, sondern dass man sich die Balance zwischen Nutzen und Risiko anschauen muss.
TR: Was ist mit Akupunktur und Homöopathie?
Ernst: Wir räumen ein, dass auch bei kritischer Analyse die Akupunktur möglicherweise wirksam ist für gewisse Schmerzzustände, und gegen Übelkeit und Erbrechen. Bei anderen Indikationen, die ebenso häufig mit Akupunktur behandelt werden, ist die Wirksamkeit mehr oder weniger widerlegt, zum Beispiel bei Rauchentwöhnung und Übergewicht.
Das Ganze ist aber, trotz mehrerer tausend Studien, noch mit einiger Unsicherheit behaftet. Denn erst in den letzten Jahren entstanden gute Möglichkeiten, die Placebo-Effekte in Akupunktur-Studien zu kontrollieren, und zwar mit nicht penetrierenden Akupunktur-Nadeln, die wir und andere entwickelt haben. Studien mit solchen Nadeln kommen jetzt gerade erst heraus. Die Mehrzahl dieser Studien spricht gegen spezifische Effekte der Akupunktur.
Bei der Homöopathie glauben wir, dass keine Evidenz dafür besteht, dass sie mehr als ein Placebo ist.
TR: Was antworten Sie jemandem, der Ihnen erzählt: Ich war schon bei so vielen Schulmedizinern, aber erst ein Heilpraktiker konnte mir helfen?
Ernst: Die persönliche Erfahrung ist sehr schwer zu entkräften. Aber man muss sich verdeutlichen, dass es neben dem spezifischen Effekt einer Therapie auch unspezifische Effekte gibt, wie den Placebo-Effekt, die Therapeuten-Arzt-Beziehung, Selbstheilungskräfte des Körpers und so weiter. Aus wissenschaftlicher Sicht ist ganz klar, dass diese unspezifischen Effekte auch ohne spezifische Wirksamkeit eine Besserung bringen können. Deshalb besteht man ja auf kontrollierten klinische Studien als Beweis für die Wirksamkeit einer Therapie. Seit über 150 Jahren ist man überzeugt, dass Anekdoten keine Aussage über die Effizienz liefern.
TR: Diese unspezifischen Effekte müssten doch bei schulmedizinischen Therapien genauso wirken. Trotzdem hat sich die Alternativmedizin über Jahrhunderte gehalten. Woran könnte das liegen?
Ernst: Ich bin nicht überzeugt, dass die unspezifischen Effekte immer gleich wirksam sind. Schulmediziner sind eben häufig sehr kurz angebunden; naturheilkundlich ausgerichtete Mediziner nehmen sich mehr Zeit, haben mehr Empathie, bauen eine bessere Patienten-Beziehung auf. Das ist sozusagen eine Art Psychotherapie, die da wirksam ist. Der andere Faktor ist, dass eben die Akupunktur als exotisches, leicht invasives, manchmal sogar leicht schmerzhaftes Verfahren potenziell viel deutlichere Placebo-Effekte hat als etwa das Verschreiben eines Medikamentes.
Ich sage also nichts aus über die Wirksamkeit der Homöopathie, die ich nicht abstreite, denn die Homöopathen sind sehr effektive Psychotherapeuten, wenn Sie so wollen. Wir sagen nur etwas aus über die Wirksamkeit der Homöopathika und die ist gleich Null.
TR: Könnte man es so formulieren, dass alternative Heilmethoden die Ausnutzung unspezifischer Effekte zu einer ziemlichen Virtuosität entwickelt haben?
Ernst: Vieles spricht dafür. Alle Daten, die ich kenne, deuten in diese Richtung. Und ich glaube auch, dass die Schulmedizin – ich bevorzuge den Ausdruck “konventionelle Medizin”, weil “Schulmedizin” eigentlich ein Schimpfwort vom Samuel Hahnemann [der Erfinder der Homöopathie, d. Red.] war – dass die konventionelle Medizin da eine ganze Menge lernen kann und lernen sollte.
TR: Was sind denn die Stellschrauben, mit denen konventionelle Mediziner den Placebo-Effekt optimieren können?
Ernst: Ich glaube, dass vieles auf den gesunden Menschenverstand zurückgeht. Ob ein Arzt zuhört und auf den Patienten eingeht oder sofort zum Rezeptblock greift – alle diese Dinge spielen eine Rolle. Man kommt da allerdings in eine Zwickmühle, denn was in der Komplementärmedizin getrieben wird, um unspezifische Effekte zu maximieren, würde in der konventionellen Medizin als unethisch gelten. Da werden zum Beispiel Homöopathika angepriesen, obwohl die Datenlage doch ziemlich eindeutig aufzeigt, dass das Placebos sind. Das könnte man in der konventionellen Medizin so nicht machen. Heutzutage muss man dem Patienten die Wahrheit sagen. Und das minimiert leider den Placebo-Effekt.
TR: Das heißt, die alternativen Heilmethoden haben einen gewissen Wettbewerbsvorteil beim Placeboeffekt?
Ernst: Ja, ganz genau. Das, was man den Ärzten in den 70er-Jahren angekreidet hat, dass sie paternalistisch auftreten und alles besser wissen als der Patient, wird von den naturheilkundlichen Ärzten weiterhin betrieben. Viele Patienten bevorzugen das sogar. Die wollen nicht wissen, dass da eine 70-prozentige Chance der Heilung besteht, sondern sie wollen hören: “Wenn Sie dieses Mittel nehmen, werden Sie in 14 Tagen wieder Seil hüpfen.”
TR: Empfehlen Sie konventionellen Medizinern, wieder paternalistischer aufzutreten?
Ernst: Das ist eine Diskussion, die ich nicht führen möchte (lacht). Hier sind die Dinge dermaßen komplex, dass ich mich da zurückhalten möchte.
TR: Glauben Sie, dass das typische Klientel für alternative Heilmethode sich überhaupt von Ihren Ergebnissen beeindrucken lässt? Mir scheint dort eine gewisse Empiriefeindlichkeit zu herrschen.
Ernst: Das ist schwer zu sagen. Viele Patienten sind nicht nur wissenschaftsfeindlich, sondern auch völlig uninteressiert und unberührt von dem, was wir so treiben. Und dann sieht man auch wieder gewisse Erfolge. Immer mehr Leute in der Komplementärmedizin denken so wie ich und meinen, dass dieser Bereich auf lange Sicht nirgends landen wird, wenn er sich nicht den Prinzipien der Evidenz basierten Medizin anschließt.
TR: Sie haben selber eine Ausbildung in der Akupunktur und in der Homöopathie absolviert. Gab es für Sie so etwas wie ein Saulus-Paulus-Erlebnis, das Sie dazu gebracht hat, Teile Ihrer eigenen Ausbildung so systematisch zu hinterfragen?
Ernst: Von der Homöopathie war ich als Kliniker ja mal ganz beeindruckt. Und als ich dann zur Wissenschaft gewechselt bin, war das Bild für mich zunächst auch nicht schwarz oder weiß. Dann aber hat sich in den letzten zehn Jahren sehr eindeutig herausgestellt: Homöopathika sind Placebos. Für mich war das kein Aha-Erlebnis, sondern ein langer, mühsamer Weg der Erkenntnisgewinnung.
TR: Würden Sie sich selber mit Homöopathika behandeln lassen?
Ernst: Auf keinen Fall. Entweder bin ich krank, dann will ich gesund werden und brauche keine Placebos oder ich bin nicht krank, dann brauche ich auch keine Behandlung. Es gibt allerdings Zustände, wo man keine klare Diagnose stellen kann und wo es dementsprechend keine effektive konventionelle Therapie gibt. Ich denke, dass es in diesem Bereich es durchaus vertretbar ist, Homöopathika bewusst als Placebos einzusetzen.
TR: Aber nur, so lange die Patienten nicht Ihr Buch gelesen haben.
Ernst: Es kann natürlich sein, dass ich damit das Kind mit dem Bade ausschütte. Aber da sind auch wieder zwei Prinzipien im Widerstreit. Und das Prinzip der Ehrlichkeit gewinnt. Bei mir zumindest.
TR: Wie waren bisher die Reaktionen auf Ihr Buch?
Ernst: Die Kreise der Evidenz basierten Medizin haben das Buch sehr positiv aufgefasst, manchmal sogar so positiv, dass ich leicht erröte. Dann gibt es Reaktionen der komplementärmedizinischen Szene, die reicht von enttäuscht über aggressiv bis beleidigend. Dabei finde ich unser Buch eigentlich nicht aggressiv, sondern nüchtern und sachlich. Und um bei den beleidigenden anzufangen: da sind Anwürfe, dass ich mich mit falschen Titeln schmücken würde, dass ich von der englischen Ärztekammer mehrmals gefeuert worden sei, dass wir auf der Gehaltsliste von Big Pharma stünden, dass wir die Daten falsch reproduzieren und so weiter. Das ging so weit, dass wir gesagt haben: Wenn jemand belegen kann, dass Homöopathika wirksam sind, dann geben wir, die beiden Autoren, aus unserer eigenen Kasse 10.000 Pfund.
TR: Hat sich darauf schon jemand gemeldet?
Ernst: Da gab es dann nur Hohngelächter – das sei ein Gimmick zur Promotion unseres Buches, und außerdem könne man die schulmedizinische Wissenschaft gar nicht auf Homöopathie anwenden. Homöopathen lieben immer dann kontrollierte, randomisierte Studien, wenn sie positiv ausgehen. Wenn sie negativ ausgehen, was meist der Fall ist, dann behaupten sie, dieses Studiendesign trete die Homöopathie mit Füßen.
TR: Woher rührt diese Aggression?
Ernst: Wahrscheinlich kommt sie daher, dass die Homöopathen sich in die Enge getrieben fühlen. Sie können schlecht sagen, dass ich die Homöopathie nicht gründlich genug erforscht habe. Sie können nicht sagen, dass ich die Homöopathie nicht verstehe, weil ich sie als Kliniker selbst angewendet habe. Sie können nicht sagen, dass ich korrupt bin, weil sie mich eigentlich kennen und auch in der Vergangenheit gepriesen haben als unabhängigen Wissenschaftler.
TR: Gibt es hier überhaupt einen Konsens, klinische Studien als Maßstab zu akzeptieren?
Ernst: Man kann natürlich sagen, klinische Studien seien nicht das Maß der Dinge. Genauso kann man sagen, der Mond ist eigentlich aus Käse. Die klinische Studie hat natürlich ihre Schwächen, aber die sind klar erkannt und man arbeitet daran, sie zu überwinden. So lange es nichts Besseres gibt, ist es eben die beste Methode, die wir zur Verfügung haben. Zudem schauen wir uns ja keine einzelne klinische Studie an, sondern die Gesamtheit der Studien zu einem Thema. Das ist nun einmal die ganz einfache wissenschaftliche Logik, der sich eigentlich jeder anschließen kann, es sei denn, er betrachtet die Homöopathie nicht als Heilkunde, sondern als Religion. Und da beißt es sich eben fest. Es gibt Leute, die sich nur minimal von religiösen Fanatikern unterscheiden.
TR: Trotz ihres Heilanspruches sind alternative Heilverfahren viel weniger reguliert als konventionelle. Müssen alternative Heilverfahren ähnlich strikt reguliert werden?
Ernst: Auch hier tut sich der Wissenschaftler schwer, Empfehlungen abzugeben. Aber ich plädiere dafür, dass man ehrlich ist und die Datenlage den Leuten so sagt, wie sie ist. Dann würden Homöopathika sowieso vom Markt verschwinden, weil sie keiner mehr kaufen würde.
TR: Was sind Ihre weiteren Pläne?
Ernst: Unsere wissenschaftliche Arbeit geht weiter, so lange wir Forschungsmittel haben. Das ist natürlich ein heißes Thema für uns, denn mit unserer kritischen Analyse haben wir uns natürlich schon viele Forschungsmittel verbaut, denn die Gelder kommen in den meisten Fällen von den Anhängern der Komplementärmedizin. Und es gibt wenige Anhänger der Komplementärmedizin, die einsehen, dass man als Wissenschaftler eigentlich nur kritische Analysen betreiben sollte, sodass die Forschungsmittel dann an Lehrstühle wie den in Berlin [Lehrstuhl für Komplementärmedizin an der Charité, Anm. d. Red.] gehen – da dürfen Sie lange warten, bis Sie eine wirklich kritische Analyse bekommen. (bsc[1]/Technology Review)
Quelle:
Heise.de: http://www.heise.de/tr/artikel/110778


