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Überdosis dank Traumeel?

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… wie tödlich kann ein Nocebo-Effekt sein? …

Homöopathisches Medikament der Heel Pharma
Homöopathisches Medikament der Heel Pharma
Am Samstag, dem 05.12.2009, wurde die Tochter von Billy Joel in ein Krankenhaus eingeliefert, nachdem sie eine Überdosis irgendwelcher Pillen zu sich genommen hatte. Doch handelte es sich bei den eingeworfenen Tabletten mitnichten um ein wirksames Tötungsinstrument, sondern um homöopathisches Traumeel des Herstellers Heel.

Trotzdem scheint der Zustand der Joel-Tochter dramatisch genug gewesen zu sein, um Joel in ein Krankenhaus einweisen zu lassen. Joel hatte nach dem Tablettenmißbrauch mit Atembeschwerden zu kämpfen. Daraufhin kontaktierte sie den Notruf und meldete sich mit: “Pillen genommen, werde sterben.”[1] Daß der ∴Nocebo-Effekt durchaus nicht zu vernachlässigen ist, weiß man in der medizinischen Gemeinschaft durchaus – unklar ist, wie weit dieser gehen kann.

Erst vor kurzem berichtet die FAZ über den Fall des 26-jährigen Derek Adams, welcher aus Liebeskummer aus dem Leben scheiden wollte. Also schluckte der junge Mann 29 Kapseln eines Antidepressivums und bekam Todesangst. Nach der massiven Überdosis sackte sein Blutdruck ab, er kam in die Klinik und konnte trotz intravenöser Infusionen nicht stabilisiert werden. Das fragliche Medikament wurde ihm im Rahmen einer verblindeten Arzneimittelstudie verabreicht. Doch erst als sich herausstellte, daß er anstelle des zu testenden Antidepressivums nur das Plazebo der Kontrollgruppe bekam und man ihm dies mitteilte, nahmen seine Beschwerden ab.[2]

Auch der Fall Joel könnte ähnlich gelagert sein, denn daß die Bestandteile des verantwortlichen Homöopathikums wirklich eine physiologische Wirkung haben könnten, bezweifelt u.a. Abel Pharmboy. Im folgenden gebe ich dessen Beitrag von Scienceblogs.com wieder:

Ist eine homöopathische Überdosis ala Alexa Ray Joel überhaupt möglich?

Alexa Ray Joel, Tochter von Billy Joel und Christie Brinkley, wurde am Samstag in ein Krankenhaus eingewiesen und ich ging davon aus, daß es sich um eine Überdosis mit irgendeiner Art Sedativum handelte.

Jedoch berichten heute Newsday und MTV, daß die Familie Joels von einer Überdosis mittels eines homöopathischen Medikaments namens Traumeel spricht. Traumeel wird von einer Firma in Albuquerque hergestellt – der Heel USA – welche in den 1920ern von einem Deutschen Arzt gegründet wurde.

Wenn Traumeel jedoch ein wirkliches Homöopathikum ist, dann ist es absolut undenkbar, daß dieses Produkt für Joels Krankenhausaufenthalt verantwortlich sein kann.

Wenn Sie unser Blog [Scienceblog Terrasig] zum ersten Mal besuchen, wissen Sie möglicherweise noch nicht um den Unterschied zwischen Heilkräutern und Homöopathie. Heilkräuter sind durchaus die Basis für einige der heute weitverbreiteten Pharmazeutika. Wie Medikamente, können Heilkräuter ihren therapeutischen Effekt gemäß dem ihnen inneliegenden Wirkungspotential proportional in Abhängigkeit von der verabreichten Dosis entfalten. Je höher der Anteil der Heilkräuter, desto wahrscheinlicher also ist eine Linderung – oder auch eine Nebenwirkung.

Homöopathische Arzneimittel jedoch haben ganz und gar nichts mit Heilkräutern gemein. Um genau zu sein, die Wirkprinzipien, die der Homöopathie zugrundeliegen, stehen im starken Gegensatz zu allem was wir über Physik, Chemie und Biologie wissen. Homöopathische Arzneimittel sind ein Überbleibsel einer pseudowissenschaftlichen Praxis, welche im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, basierend auf der Annahme, daß eine Substanz, welche einen ähnlichen Effekt hervorruft, wie die Symptome einer zu behandelnden Krankheit, dann könne man diese Substanz verdünnen (oder “potenzieren”) und so ein wirksames Medikament herstellen, um ebenjene Krankheit zu heilen. Daher könnte man ein Extrakt der Brechwurzel so verdünnen, daß es homöopathisch genutzt werden könne, um Brechreiz zu kurieren.

Der Hauptgrund, weswegen die meisten Menschen Homöopathie und Kräuterheilkunde verwechseln ist, daß beide oftmals von ähnlichem Pflanzenmaterial gewonnen werden.

Doch Homöopathie weicht in einem ganz erheblichen Aspekt von der Kräuterheilkunde ab: homöopathische Arzneimittel sind oftmals so sehr verdünnt, daß sie nicht ein einziges Molekül der Ursubstanz beinhalten. Sie sind also im Grunde nichts weiter als Wasser, welches zu exorbitanten Preisen erhältlich ist, die die von Mineralwasser bei weitem übersteigen.

Eine hervorragende und leicht verständliche Übersicht über die Homöopathie kann man in diesem Artikel aus dem Jahre 1996 finden (»PDF« [und hier: ∴Homöopathie auf deutsch]), veröffentlicht im American Journal of Pharmaceutical Education von Dr. W. Steven Pray der Southwestern Oklahoma State Universität, Fakultät für Pharmazie. Diesen Artikel nutze ich seit über 10 Jahren, um Studenten und die Allgemeinheit aufzuklären.

Doch schauen wir uns einfach mal die Zusammensetzung von Traumeel an, welches als entzündungshemmendes Medikament für musculoskeletale Verletzungen verkauft wird. Traumeel ist in verschiedenen Dosen erhältlich, unter anderem als Injektionslösung. Die Tablettenform werden wir uns etwas genauer anschauen, vor allem da die New York Daily News berichtete, daß in einem Notrufe davon gesprochen wurde, daß Joel “irgendwelche Pillen eingenommen” hätte:

Jede 300mg Tablette enthält: Aconitum napellus 3X (Reduziert den Schmerz nach einer Verletzung) 30 mg; Arnica montana, radix 3X (Reduziert Schwellung und Gewebeeinblutung) 40 mg; Belladonna 4X (Reduziert Schwellung und Schmerz) 75 mg; Bellis perennis 2X (zur Behandlung der Hämatome) 6 mg; Calendula officinalis 2X (Stimuliert den Heilungsprozeß) 15 mg; Chamomilla 3X (für die Schmerzverminderung) 24 mg; Echinacea 2X (Unterstützung des Immunsystems) 6 mg; Echinacea purpurea 2X (Stimulation des Heilungsprozesses) 6 mg; Hamamelis virginiana 2X (Linderung der Empfindlichkeit der Hämatome) 15 mg; Hepar sulphuris calcareum 8X (Stimuliert Heilung der Verletzung) 15 mg; Hypericum perforatum 3X (Schmerzlinderung) 8 mg; Mercurius solubilis 8X (Reduktion der Schwellung) 15 mg; Millefolium 3X (zur Behandlung von kleineren Einblutungen) 15 mg; Symphytum officinale 8X (Linderung von Gelenkschmerzen) 24 mg. Inaktive Ingredientien: Lactose, Magnesium stearate.

Nun muß ich noch die Nomenklatur etwas näher erläutern, vor allem für jene Leser, die von berufswegen mit der evidenzbasierten Medizin zu tun haben. Homöopathische Arzneimittel werden durch die Größenordnung ihrer Verdünnung (Potenzierung) der Ursubstanz bzw. des urpsrünglichen Pflanzenextraktes bestimmt. Daraus resultiert eine Terminologie ala 12X oder 20C [in deutsch: C20, D12]. X verheißt eine 10-fache Verdünnung und C bezeugt eine 100-fache. Die Nummer selbst zeigt an, wie oft man die Ursubstanz verdünnt hat. Daher gilt, daß es sich bei einem 12X Medikament um eine 1012 Verdünnung und bei einem 20C Medikament um eine 10020 Verdünnung handelt.

Einige der hier in dem vorliegenden Medikament verwendeten Potenzierungen bestehen nur aus mäßig verdünnten Substanzen. Doch diese 2X und 3X Bestandteile sind per Definition selbst 100-fache bzw. 1000-fache Verdünnungen des Urmaterials. Diese Konzentrationen sind aller Wahrscheinlichkeit zufolge zu stark verdünnt, um überhaupt einen biologischen Effekt hervorzurufen, sei es ein positiver oder ein negativer – aber hundertprozentig sicher kann ich mir da nicht sein.

Einige der Bestandteile des Medikaments sind äußerst, äußerst giftig, jedoch sind auch diese noch extremer verdünnt, so daß es auch hier sehr unwahrscheinlich ist, daß diese überhaupt einen, oder gar einen gesundheitsgefährdenden Effekt haben könnten. Zum Beispiel: die hochgiftigen Belladonna Alkaloide sind 10.000-fach verdünnt und Symphytum officinale (gemeinhin bekannt als Beinwell) kommt als 108-fache Verdünnung vor. Konventionelle Konzentration von Beinwellextrakten beinhalten gut dokumentierte Hepatotoxine, nämlich die Pyrrolizidinen Alkaloide, welche in hochreaktive Metabolite mittels hepatischer zytochromer P450 Enzyme konvertiert werden.

Wie man nun verstehen kann, handelt es sich im eine recht verwirrende Angelegenheit, durch die sich die Laienpresse durchwurschteln muß, ohne über die Fakten und Fehler, die mit der Homöopathie verbunden sind, zu stolpern.

Der Hersteller von Traumeel, wie man ja vermuten kann, ist ganz und gar auf Verteidigung aus.

Vor dort kommt natürlich keine offizielle Verlautbarung, aber ich kann es förmlich spüren, wie sie sagen wollen: “Eigentlich ist wirklich gar nichts in unserem Produkt enthalten, wie kann es da also gefährlich sein?”

Während sich diese Geschichte also entwickelt, sollte man es sich nicht entgehen lassen, ein Auge auf die Diskussion um Traumeel zu haben. Ich habe bereits bemerkt, daß einige Twitterer berichten, Traumeel sei ein pflanzliches Medikament.

Ich möchte noch eine sehr ernsthafte Anmerkung zu diesem Falle machen: Ich hoffe inniglich, daß Ms. Joel die Behandlung bekommt, derer sie bedarf – vor allem in Hinblick auf die Berichte, daß sie den Notruf kontaktierte und davon sprach, sterben zu wollen. Man kann nur von Glück sprechen, daß sie für ihr Unterfangen ein homöopathisches Medikament auserkoren hat und nicht ein anderes. Einige Arten von psychischen Störungen erscheinen erstmals in den frühen 20ern, leider auch in Personen ohne den Streß einer neuen Musikkarriere oder solcher, aus medienbekannten Familien. Meine besten Wünsche übermittle ich daher allen, die betroffen sind.

Autor: Abel Pharmboy (Pseudonym)
Übersetzer: Frieda Freiberg

If you are a journalist looking for comment or interpretation of this story, please feel free to e-mail me at the address under “Contact” [siehe Quelle] and I will be happy to provide background under my real name and credentials.

Alexa Ray Joel
Alexa Ray Joel

Quelle

Quellennachweise:

  1. New York Post “Joel daughter made 911 call herself“, 07.12.2009 []
  2. FAZ-Beitrag von Magnus Heier “Ich werde schaden“, 21.09.2009 []

3 Kommentare auf 'Überdosis dank Traumeel?'

  1. I am honored that you chose to translate my post into the native language of my family. Vielen Dank!

  2. avatar Paraphen says:

    Abel, glad to oblige. We are almost 100% German as well and like to practice. Part of our family has re-migrated back to Germany after 5! generations.

  3. avatar Bernd says:

    Hier kann man noch nachlesen bzw das YouTube vid dazu ansehen, wie ein “mutiger” Skeptiker eine Überdosis Belladonna C200 zu sich nimmt http://amphibol.blogspot.com/2009/12/wie-begeht-man-homoopathischen.html

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