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Aberglaube

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Der Begriff Aberglaube wird je nach Zusammenhang in verschiedenen Bedeutungen gebraucht. Umgangssprachlich bezeichnet er den Glauben an wissenschaftlich nicht nachweisbare, magische Kräfte, die auf den Menschen wirken. Abergläubische Vorstellungen beziehen sich oft auf Vorzeichen oder auf Rituale zur Abwendung von Unglück (“Klopf auf Holz”). Einer Umfrage des Institut für Demoskopie Allensbach zufolge fand der irrrationaler Glaube an gute und schlechte Vorzeichen in Deutschland im Jahre 2005 weitere Verbreitung als noch 1973. So sahen beispielsweise 42 Prozent der Befragten in einem vierblättrigen Kleeblatt einen Glücksbringer; 1973 waren es nur 26 Prozent. Eine Sternschnuppe am Nachthimmel ist für 40 Prozent lebensbedeutsam (vgl. 1973: 22 Prozent). 36 Prozent betrachten die Begegnung mit einem Schornsteinfeger als Glück verheißendes Omen (vgl. 1973: 23 Prozent).

Etymologie

Die Bezeichnung abergloube läßt sich seit dem 13. Jahrhundert belegen. Der Wortbestandteil “aber-” bedeutete ursprünglich nach Auffassung heutiger etymologischer Wörterbücher “nach, wieder, hinter”, wobei später als negative Konnotation die Bedeutung “geringschätzend, abwertend” hinzukam und damit das Gegenteil der Bedeutung des darauffolgenden Wortbestandteils zum Ausdruck brachte, vgl. “Aberwitz”[1][2].

Geschichte

Als Begriff erscheint Aberglaube in der christlichen Religion gegen Ende des Mittelalters (7. – 15. Jahrhundert). Die Bekehrung der Heiden war in Europa zu diesem Zeitpunkt aus christlicher Sicht ein voller Marketingerfolg – nicht zuletzt aufgrund der durch Papst Gregorius Magnus sanktionierten Integration heidnischer Bräuche im Rahmen einer christliche Neuinterpretation[3].

Jegliche Positionierung jenseits der Lehren der Kirche wurde durch die Stigmatisierung Aberglaube strikt von diesen getrennt. Diese Ausgrenzung betraf nicht nur die ursprünglichen heidnischen Glaubensrichtungen, sondern auch abweichende Auffassungen der christlichen Religion sowie die sich entwickelnden naturwissenschaftlichen Lehren[4].

Charakteristik

Die Entstehung von Aberglauben basiert auf einer fehlerhaften Zuordnung von Ursache und Wirkung. Fehlverwendung wissenschaftlicher Methodik ist eine der häufigsten Arten des nicht-religiösen Aberglaubens. Einen Grenzbereich stellt überliefertes Handlungswissen dar, für das sich bislang keine Erklärung finden läßt, welches sich aber als unumstößliches Faktum für die daran Glaubenden darstellt (∴Parawissenschaft).

Ein Hintergrund vieler weltlicher Formen von Aberglauben ist der sogenannte Volksglauben, wobei hier die Grenze zwischen Fehlverwendung und mangelnder Informationslage nur schwer zu ziehen ist – etwa bei den sogenannten Bauernregeln, mit denen zum Teil Erfahrungswerte aus Haushalt und Landwirtschaft vermittelt werden, zum Teil jedoch auch Wettervorhersagen betrieben werden[5].

Entwicklung

In der jüngeren Volkskunde wird der Begriff Aberglaube wegen seiner abwertenden Konnotation vermieden. Die moderne Volkskunde hat eine herabsetzend-wertende Betrachtung des Aberglaubens ebenso überwunden wie die Verklärung superstitiöser Alltagspraktiken als Relikte germanisch-heidnischer Mythologie. In objektiverender Perspektive werden unter Aberglauben heute alle Formen der Zauberei, der Magie und des Wahrsagens begriffen[6]. Studien mit historischer Langzeitperspektive haben zudem gezeigt, wie sehr volksläufige Aberglaubenspraktiken von gelehrten, oberschichtlichen Magiekonzepten der Antike und der Frühen Neuzeit abhängen[7].

Die aktuelle Forschung betont zudem die Verbreitung von Aberglauben durch Medien, etwa populäre Zauberbücher, Fernsehsendungen oder das Internet. Damit erweist sich Aberglaube nicht als Gegensatz zu einer aufgeklärten, technisch-rationalen Moderne, sondern als deren Nutznießer und Begleiter (Bachter 2005). Aberglaube kann, so der Ansatz von GWUP-Wissenschaftsrat und Volkskundler Dr. Stephan Bachter[], auch als trivialisiertes (d. h. für recht banale Alltagszwecke eingesetztes), fragmentiertes (d. h. aus komplexen philosophischen und wissenschaftlichen Zusammenhängen herausgelöstes) und popularisiertes (d. h. über alle Medien, Buchdruck, Fernsehen und Internet verbreitetes) Wissen definiert werden[8].

Zitate

  • Der Aberglaub’, in dem wir aufgewachsen, verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum seine Macht nicht über uns. – Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise
  • Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens. – Goethe, Maximen und Reflexionen
  • Der Aberglaube ist ein Kind der Furcht, der Schwachheit und der Unwissenheit. – Friedrich der Große
  • Der Aberglaube macht die Gottheit zum Götzen, und der Götzendiener ist um so gefährlicher, weil er ein Schwärmer ist. – J. G. Herder, Palmblätter
  • Der Aberglaube traut den Sinnen bald zuviel, bald zu wenig. – Gotthold Ephraim Lessing, Theologische Streitschriften, Das Testament Johannis
  • Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen für den erträglicheren halten. – Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise
  • Ein jeder Aberglaube versetzt uns in das Heidentum. – Justus von Liebig, Chemische Briefe
  • Stets liegt, wo das Banner der Wahrheit wallt, der Aberglaube im Hinterhalt. – August von Platen, Die neuen Propheten

Literatur

  • Doering-Manteuffel, S. (2008): Das Okkulte. Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung. Von Gutenberg bis zum World Wide Web. Siedler, München 2008.
  • Groschwitz, H.(2008):: Mondzeiten. Zu Genese und Praxis moderner Mondkalender. Münster 2008 (Regensburger Schriften zur Volkskunde/Vergleichenden Kulturwissenschaft 18).
  • Harmening, D. (1979): Superstitio. Überlieferungs- und theoriegeschichtliche Untersuchungen zur kirchlich-theologischen Aberglaubensliteratur des Mittelalters. Berlin 1979.

Quellennachweise:

  1. Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Aufl. Berlin [u. a.] 2002, S. 6. []
  2. Pfeifer, Wolfgang: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 5. Aufl. München 2000, S. 3. []
  3. Bede (ca. 730): Historia ecclesiastica gentis Anglorum. []
  4. Padberg, Lutz E. v. (1998): Die Christianisierung Europas im Mittelalter. Reclam Philipp Jun., Ditzingen 1998, ISBN 3-15-017015-X. []
  5. Ranke, Kurt und Hermann Bausinger, Lotte Baumann (1977): Enzyklopädie des Märchens: Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Walter de Gruyter, 1977, ISBN 3110117630, 9783110117639. []
  6. Harmening, D. (1983): Artikel „Aberglaube“. In: Kindlers Enzyklopädie Der Mensch. Band VI. Kindler, Zürich. S. 707-718. []
  7. Daxelmüller, C. (1993): Zauberpraktiken. Eine Ideengeschichte der Magie. Artemis & Winkler, Zürich. []
  8. Bachter, S. (2005): Anleitung zum Aberglauben; Zauberbücher und die Verbreitung magischen „Wissens“ seit dem 18. Jahrhundert. Dissertation Universität Hamburg 2005. []
Erstellt: 2009-04-03, 12:36 [Friday]
Geändert: 2009-09-08, 12:18 [Tuesday]
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