Alternativmedizin
Komplementär- und Alternativmedizin (CAM)
Siehe: ∴Komplementärmedizin | ∴Komplementärwissenschaft | Evidenzbasierte Medizin (EBM)[∵]
Unter Alternativmedizin versteht man Methoden und Behandlungen, welche nicht von der wissenschaftsbasierten Medizin (auch evidenzbasierte Medizin (EBM)[∵]) angewendet werden. Alternativmedizinische Verfahren sind somit fast immer der ∴Pseudowissenschaft zuzurechnen. Vor allem von Befürwortern werden auch die Begriffe ∴Komplementärmedizin, Erfahrungsmedizin und Integrative Medizin benutzt. Im englischen Sprachraum, aber zunehmend auch bei im deutschsprachigen Raum, werden komplementär- und alternativmedizinische Verfahren als CAM bezeichnet.
Das National Center for Complementary and Alternative Medicine NCCAM in den USA definiert komplementär- und alternativmedizinische Therapien als Behandlungen, die anstatt (“alternativ”) oder zusätzlich (“komplementär”) zu einer konventionellen, etablierten Therapie durchgeführt werden. Eine Behandlung gilt dann als etabliert, wenn die klinische Wirksamkeit in prospektiven, randomisierten Studien zweifelsfrei belegt ist oder eine biologische Rationale die Behandlung als sinnvoll erscheinen lässt.
Die Begriffe Alternativmedizin und ∴Komplementärmedizin sind daher beschönigend, da sie in der Regel keine wirklichen Alternativen, sondern nicht oder weniger wirksame, ∴pseudomedizinische Methoden, anbieten. Das gilt auch für die Bezeichnung Erfahrungsmedizin, mit der die Berufung auf anekdotische Heilerfolge statt auf solide Wirkungsnachweise als positive Eigenschaft dargestellt werden soll.
Die in Europa bekanntesten alternativen Behandlungsmethoden sind ∴Homöopathie und ∴Akupunktur.
Merkmale
Fast immer beruhen alternativmedizinische Verfahren auf einem Axiom, d.h. auf einem keines Beweises bedürfendem Grundsatz, und sind daher nicht in üblicher Weise reproduzierbar. Zusammen mit Begriffen wie “natürlich”, “biologisch”, “ganzheitlich”, “alternativ”, “die Selbstheilungskräfte aktivierend” etc., meist verbunden mit “…von Körper, Geist und Seele” wird unterschwellig ein emotionaler oder magischer Appell suggeriert.
Andere Merkmale sind die (Wieder-) Entdeckung des Verfahrens im Alleingang durch einen Erfinder, der sich oft auf “jahrtausendealtes Wissen” beruft, das angebliche Fehlen von Kontraindikationen und Nebenwirkungen sowie die angebliche Wirksamkeit bei vielen verschiedenen Krankheiten und in unterschiedlichen Krankheitsstadien.
Alternativmedizinische Methoden können von Ärzten angeboten werden, von Angehörigen anderer Heilberufe, zum Beispiel dem ∴Heilpraktiker aber auch von Laien. Nicht selten werden die Therapierichtungen von sozialen Bewegungen oder bestimmten gesellschaftlichen Gruppen getragen. Solche Bewegungen grenzen sich insbesondere kritisch von der evidenzbasierten Medizin ab.
Verbreitung
Eine bedeutsame Erklärung für die Attraktivität der alternativen Medizin liegt in der häufig negativen Bewertung der medikamentösen Therapie. In deutlichem Kontrast hierzu werden nicht-evidenzbasierte Methoden zum Teil sehr pauschal als sanft, natürlich und frei von Nebenwirkungen eingestuft. Viele Patienten erfahren darüber hinaus bei alternativen Therapeuten ein höheres Maß an Zuwendung und Kommunikation, so daß hier auch ein niederschwelliges Psychotherapie- oder Beratungsangebot wahrgenommen wird.
Ökonomische Bedeutung
In Deutschland ist ein Anstieg der CAM-Anbieter zu verzeichnen. Von 1993 bis 2000 stieg die Anzahl der ∴Heilpraktiker als wichtigster, nichtärztlicher CAM-Beruf um 90% (von 11/100.000 auf 21/100.000 Einwohner). Die ärztlichen CAM-Qualifikationen erhöhten sich im gleichen Zeitraum um 125% (von 19/100.000 auf 43/100.000[1].
Jährlich werden in Deutschland pflanzliche Heilmittel für rund zwei Milliarden Euro verschrieben und rund neun Milliarden Euro für komplementär- und alternativmedizinische Verfahren ausgegeben[2]. Fünf Milliarden Euro davon zahlen die Patienten selbst. Vier Milliarden Euro erstatten die Krankenkassen. 40.000 Ärzte bieten entsprechende Therapien an[3].
Zahlen zu Umsätzen der Alternativ- und Komplementärmedizin sind auch aus den USA bekannt. Dort wurden 1997 für ∴Komplementärmedizin 36 bis 47 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Davon wurden 12 bis 20 Milliarden USD aus eigener Tasche für Komplementär-Therapeuten eingesetzt[4]. Dies entspricht der Hälfte der aus eigener Tasche ausgegebenen Summe für eine ärztliche Dienstleistung.
Nach einer anderen Quelle werden jährlich sogar 27 Milliarden US-Dollar für komplementär- und alternativmedizinische Verfahren durch die Konsumenten selbst ausgegeben (Curt 2002). Nach einer Untersuchung des Autors McGinnis wurde in den USA 1987 viermal mehr Geld für ∴Komplementärmedizin als für die gesamte Krebsforschung ausgegeben[5].
In der Europäischen Union müssen ∴homöopathische Arzneimittel und traditionelle pflanzliche Arzneimittel nach der Richtlinie 2001/83/EG lediglich registriert werden, bevor sie in den Verkehr gebracht werden können. Dazu ist die pharmazeutische Qualität und Sicherheit nachzuweisen; ein Wirksamkeitsnachweis ist nicht erforderlich, dafür darf aber auch keine Indikation angegeben werden.
Kritik
Anwender alternativmedizinischer Verfahren berufen sich bei der Frage nach einer Wirksamkeit häufig lediglich auf ihre eigene Erfahrung, die sich auf die selektive Auswahl bestimmter eigener Wahrnehmungen in der Vergangenheit bezieht. Derartige retrospektive Betrachtungen haben jedoch keinen beweisenden Charakter. Dort, wo die Methoden einer ∴wissenschaftlichen Überprüfbarkeit zugänglich sind und überprüft wurden, wurde ihre Wirkung widerlegt oder es konnten keine ausreichenden Hinweise für eine Wirksamkeit gefunden werden bzw. sie ging nicht signifikant über einen Placeboeffekt hinaus. Je nach Möglichkeit und Stand der Falsifizierbarkeit werden die einzelnen alternativmedizinischen Methoden aus wissenschaftlicher Sicht als ∴pseudowissenschaftlich oder ∴parawissenschaftlich eingestuft.[6]
Auch die gelegentlich zu hörende Argumentation “∴Wer heilt hat Recht” ist nicht zielführend, da er fast immer eine Verwechslung von Kausalität mit Korrelation aufgrund ankedotischer Erlebnisse oder Berichte ist. Anders ausgedrückt, die Erkrankung könnte statt durch ∴homöopathische Globuli genau so gut “von selbst” verschwunden sein.
Die Ablehnung von Seiten der wissenschaftlichen Medizin beruht darum gegenwärtig meist darauf, daß solche Verfahren keine naturwissenschaftliche Basis haben, weder vorklinisch noch klinisch bezüglich der Wirkungen und Nebenwirkungen ausreichend geprüft sind und dass ihre Erfolge weder mit den üblichen statistischen Methoden noch mit anderen objektiven Kriterien belegt sind. Kann ein Wirksamkeitsnachweis für eine Methode erbracht werden, findet diese Eingang in die wissenschaftlich begründete Medizin.
Einige Verfechter der “Alternativmedizin” behaupten, dass sich ihre Konzepte mit Methoden, wie sie in der wissenschaftlich begründeten Medizin eingesetzt werden (z.B. randomisierte placebokontrollierte klinische Doppelblindstudien), nicht überprüfen ließen. Sie argumentieren, ihre Behandlungsart sei so individuell, “ganzheitlich” oder intuitiv, daß übliche statistische Verfahren nicht angemessen seien[7].
Gefahrenpotential
Die Alternativmedizin birgt Gefahren und Risiken[8]:
- Ablehnung effektiver Diagnostik oder Therapie zu Gunsten von pseudomedizinischen Methoden ohne Wirksamkeitsnachweis, mit der Folge einer Verschleppung einer Krankheit, oder dem Erscheinen vermeidbarer Symptome
- Fehldiagnosen aufgrund mangelhafter medizinischer Ausbildung von in der Alternativmedizin Tätigen
- Verschlechterung der Therapieaussichten durch vergebliche pseudomedizinische Bemühungen
- Entstehung von Schuldgefühlen bei Misserfolg, sich selbst oder Angehörigen gegenüber
- Todesfälle oder körperliche Schäden durch nicht geeignete Verfahren
Einschüchterungsversuche und Aktivitäten gegen Kritiker
Personen oder Institutionen, die die Alternativmedizin kritisch betrachten und auf den pseudomedizinischen Charakter hinweisen, müssen auch mit persönlichen Angriffen rechnen. Aufrufe von ∴Pseudowissenschaftlern wie ∴Stefan Lanka und ∴Karl Krafeld zu Strafanzeigen bei Ermittlungsbehörden, sind ebenso an der Tagesordnung, wie Anzeigen gegen Betreiber von Aufklärungsportalen wie ESOwatch[9]. Ein weiteres Beispiel sind Zivilklagen gegen das Projekt Paralexx, die zur zeitweisen Einstellung der Aktivitäten von Paralexx führten.
Auch wollten Frischzellentherapeuten einem Kritiker gerichtlich verbieten lassen, gegenüber der Presse auf Anfrage seine Beurteilung der Frischzellentherapie mitzuteilen[10].
Die Stiftung Warentest wollte ein Buch mit kritischer Analyse und Bewertung von Natur- und Alternativmedizin herausgeben. Die Zeitschrift Stern nahm die Chance für eine Vorveröffentlichung auf: Krista Federspiel, eine der beiden Autorinnen, und ihr Kollege Hans Weiss boten an, eine “Wallraffiade” durch diese Szene zu unternehmen und sich von je zehn Naturheilern eine Diagnose erstellen zu lassen. Der Stern garantierte eine großzügige Bezahlung für die Reportage und forderte einen zweiten Teil an, in dem von Alternativmethoden Geschädigte namentlich vorgestellt werden sollten. Zum Nachweis, daß die Journalisten tatsächlich bei den Naturheilern waren, hielt ein Fotograf das Geschehen fest. Jeder besuchte Heiler dichtete den Probanden mehrere Krankheiten an: Insgesamt wurden 38 verschiedene Krankheiten sowie eine Unzahl von Störungen und Allergien attestiert und mehr als 130 Medikamente verschrieben. Als die Reportage “Wunderheiler und Krankbeter” im Stern 49/1991 zu lesen war, löste die darin erhobene Kritik so viel Empörung und massive Proteste von ∴Heilpraktikern aus, daß die Redaktion aus Angst vor Leserverlust die Veröffentlichung des zweiten Teils scheute und ihn schließlich ganz absagte. Man gab die Rechte an die Autoren zurück[11].
In einer Sendung des ZDF vom 5. September 2007 mit dem Titel “Heilen mit dem Nichts?” berichtete der Journalist ∴Joachim Bublath über wissenschaftliche Erkenntnisse zur ∴Homöopathie (unter anderem über eine Analyse des renommierten The Lancet: “The end of homeopathy“), die eine etwaige Wirksamkeit dieser umstrittenen Methode gegenüber Placebos in Frage stellte. Die Folge waren Aufrufe von ∴Homöopathie-Befürwortern zum Spamming und das ZDF kuschte, indem es die Webseiten mit den zitierten Lancet-Angaben löschte[12].
Links:
- ∴Wikipedia.de
- ∴ESOwatch.de
- Bundesministerium Österreichs: Komplementärmedizin
Quellennachweise:
- Weinbrenner, Susanne: MPH FG Management im Gesundheitswesen, Technische Universität Berlin [↑]
- Anja Achenbach: Millionenmarkt Naturheilkunde. In: Financial Times, 21.1.2009. [↑]
- Deutsches Ärzteblatt 104, Schul- und Komplementärmedizin: Miteinander statt nebeneinander, Ausgabe 46 vom 16.11.2007. [↑]
- Eisenberg DM, Davis RB, Ettner SL, Appel S, Wilkey S, Van Rompay M, Kessler RC. Trends in alternative medicine use in the United States, 1990–1997: results of a follow-up national survey. JAMA 1998;280:1569–75. [↑]
- McGinnis L.S.: Alternative therapies, 1990. An overview. Cancer 1991; 67 (6 Suppl): 1788-1792. [↑]
- Coward, Rosalind: Nur Natur? Die Mythen der Alternativmedizin (1995). ISBN 978-3888970993, dazu die Sachbuchrezension aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 2. Juli 1996
- Curt G.A.: Introduction: Complementary and Alternative Medicine in Cancer Treatment. Sem Oncol 2002; 29: 529-530. [↑]
- Neue Zürcher Zeitung (NZZ), Komplementärmedizin auf dem Vormarsch, 25.03.2009. [↑]
- Markman, M. (2002): Safety issues in using complementary and alternative medicine. J Clin Oncol 20: 39-41. [↑]
- Staatsanwaltschaft München I AZ 266 UJs 719754/08. [↑]
- LG Stuttgart AZ 17 0 289/76; Streitwert 500.000 DM. [↑]
- Federspiel, Kristin: Kritisch gedacht – Sanfte Alternative?, Der Wissensblog 25.12.2007. [↑]
- Promed e.V, Nachwehen einer Sendung, 15.10.2007. [↑]



