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Tödliche Europameisterschaften

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1947-09-20, 10:23 [Saturday]

… englische Medaillenhoffnung stirbt an Kinderlähmung …

Die Franzosen kamen mit großen Hoffnungen nach Monte Carlo zu den Europameisterschaften im Schwimmen. Sie kämpften sozusagen auf eigenem Boden. Das Schwimmstadion des veranstaltenden Landes Monaco liegt nämlich auf französischem Territorium. 25 Meter davon verläuft die Grenze des Gastlandes.

Das Fürstentum Monaco begrüßte die Schwimmer aus 16 Ländern mit seiner schmucken Nationalgarde. Nach sechs aufblitzenden Salutschüssen unterstrich Prinz Louis Ferdinand II. von Monaco die Feierlichkeit des Empfangs durch eine Eröffnungsrede. Sie dauerte sehr lange. So lange jedenfalls, daß die meisten Manager ihre Kämpfer aus der glühenden Sonne in die Kühle der Hotels zurückholten. Bei Eisgetränk vernahmen sie die freundlichen Worte durch Lautsprecher.

Frankreichs 18jähriger Meistermann Alex Jany machte den siegesgewissen Franzosen Ueber-Mut. In zwei Tagen stellte er zwei Weltrekorde und einen Europarekord auf. Ueber 100 Meter kraulte er seinem schärfsten Konkurrenten, Olsson aus Schweden, gleich um vier Längen davon. Trotzdem konnte der Riese Jany, dessen Fußdimensionen die Ursache seiner Kraulsiege sind, den Franzosen in der 4 mal 100-Meter-Staffel keinen Sieg herausschwimmen. Als Schlußmann seines an dritter Stelle liegenden Teams kraulte er mit aller Kraft los und erreichte an der Wende den Ungarn und eine Zehntel Sekunde hinter dem von Anfang an führenden Schweden das Ziel. Um die verlorene Meisterschaft weinend, hockte Alex am Beckenrand.

Im Springen vom hohen Turm siegte die 16jährige Französin Nicole Pelissard. Schon einen Tag nach ihrem Sieg mußte sie in ihre normannische Heimat zurückreisen. Sie ist noch Schülerin und hatte von ihrem Lehrer nur eine Woche Urlaub bekommen.

Aus dem Kohlenpott Motherwell in Schottland kam die englische Meisterschwimmerin Nany Riach, Englands große Hoffnung. Einen Tag bevor sie beim 100-Meter-Freistil starten wollte, wurde sie krank. Mit einer Kampferinjektion schwamm sie trotzdem. Aber es reichte nur zum 4. Platz im Vorlauf. Zur Entscheidung erhielt sie vom Arzt Startverbot. Mit argen Beschwerden wurde sie ins Hotel gebracht. Ihre Beine wollten nicht mehr und sie hatte die Sprache verloren. Drei Tage später starb sie an spinaler Kinderlähmung.

Im Wasserball trat Italien das Erbe der seit vielen Jahren ungeschlagenen Ungarn an. Trotz der heimatlichen Luft kamen die Franzosen nicht zu den erhofften Erfolgen. Mit dem Europa-Pokal zogen die Ungarn nach Hause. Auch bei den Frauen blieb der gestiftete Ehrenpreis nicht im Lande. Dänemarks Nixen erkämpften sich den “Bredius-Pokal”.

Quelle:

Klein, aber gefährlich

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1947-08-23, 00:00 [Saturday]

… Das Mikroskop reicht nicht aus …

Berlin meldet 110 Fälle von spinaler Kinderlähmung in den letzten sechs Wochen, Lüneburg fast soviel aus seinem Regierungsbezirk. Oesterreich schließt wegen spinaler Kinderlähmung seine Grenzen gegen die französische Besatzungszone Deutschlands. Belgien ließ sich auf dem Luftwege zwei “eiserne Lungen” gegen spinale Kinderlähmung aus Amerika kommen.

England, Frankreich und selbst die USA, deren Oststaaten schon immer besonders befallen waren, berichten von seuchenartigem Auftreten der Krankheit. Aus fast allen europäischen Ländern wird bekannt, daß die Krankheitszahlen der spinalen Kinderlähmung (Poliomyelitis) etwa 50 v.H. über den sonst gewohnten Zahlen liegen. Im allgemeinen sollen indessen die Erkrankungen nicht sehr schweren Charakters sein.

Der Seuchenreferent beim Ministerium für Arbeit, Aufbau und Gesundheit des Landes Niedersachsen, Medizinalrat Dr. Wolrath, stellt mit sichtbarer Erleichterung fest, daß nun, da das letzte Drittel des August bereits begonnen hat, das Schlimmste wohl vorüber sei, denn die Verbreitung der spinalen Kinderlähmung sei nach bisherigen Erfahrungen an die heiße Jahreszeit gebunden.

Medizinalrat Dr. Wolrath, der sich während des letzten Krieges bei der Fleckfieberbekämpfung durch eine neue Impfstofftechnik hervorgetan hat, sagt: “Wenn ein Laie etwas von der Pest hört, so regt er sich mächtig auf. Für den Seuchenbekämpfer ist das gar kein Problem, weil er weiß, was er zu, tun hat. Mit der Poliomyelitis ist das anders. Man weiß nicht, woher sie kommt, und weiß nicht, was man dagegen tun soll.”

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